Schwarzer Hund liegt auf dem Rasen, im Hintergrund ein weißes Gebäude und ein großer Baum vor blauem Himmel.

In gut einem Monat wird Scotty nun schon vier Jahre alt. Bei einem Hund seiner Größe ist er damit dann tatsächlich allmählich im Erwachsenenalter angekommen. Und das merken wir an vielen Stellen.
Er ist deutlich ruhiger und ansprechbarer geworden, auch dank des Hormonchips.
An vielen Baustellen können wir jetzt gut arbeiten, weil er sich selbst besser im Griff hat und weil er sich an das ein oder andere „Grusel-Element“ im Alltag doch langsam gewöhnt hat.

Was bleibt, ist seine große Reizoffenheit – der Hütehund in ihm lässt grüßen…

Was aber auch bleibt, ist die Arbeit an uns selbst und die Erinnerung daran, dass dieser Hund wohl nie „so nebenbei“ mitlaufen wird.

Das Problem am anderen Ende der Leine

Gerade gestern haben wir uns eine Auffrischung in der Hundeschule unseres Vertrauens* gegönnt und uns von Matthias nochmal ein bisschen den Kopf waschen lassen. Nicole und er begleiten uns ja nun seit mehr als dreieinhalb Jahren (eben seit wir Scotty haben) und ohne ihre Unterstützung, Erklärungen und Trainings hätten wir diesen Hund vermutlich nicht mehr. Als naive Ersthundehalter mussten wir wirklich sehr, sehr viel lernen über Hunde im Allgemeinen und über süßsaure Knalltüten im Besonderen.

Gerade weil Scotty mit zunehmender Reife ruhiger und in so vielen Situationen ansprechbarer wird, freuen wir uns ein wenig über die Entspannung nach all den Jahren fortwährenden und allgegenwärtigen Trainings mit ihm und werden etwas nachlässiger. Und das rächt sich. Zunächst noch nicht so deutlich, aber merklich. Denn wir vergessen immer wieder, dass unser Hund uns als Leitfiguren in seinem Leben braucht und übersehen so oft, dass wir diese Leitung auch in für ihn erkennbaren Handlungen und Haltungen deutlich machen müssen.
Für uns ist es beispielsweise so selbstverständlich, dass wir die Gegend während unserer Ausflüge abchecken und immer im Blick haben, ob irgendwo plötzlich Menschen, Hunde, Radfahrer oder eScooter um die Ecke biegen. Scotty kann hingegen nicht erkennen, dass wir schon über die Hecke hinweg sehen können, ob jemand aus dem nächsten Hauseingang kommt oder auf dem Weg um die Ecke unterwegs ist. Also übernimmt er diese Aufgabe (wir sind dazu ja aus seiner Sicht offenbar nicht in der Lage oder wollen es wohl nicht). Und weil er nicht wirklich selbstsicher und souverän durchs Leben geht, pöbelt er dazu gerne mal prophylaktisch los. Angriff ist für ihn immer noch die beste Verteidigung. Gleichzeitig stresst ihn diese (zwangsläufig übernommene) Aufgabe sehr und überfordert ihn.

Soziale Ressourcen verteidigen ist nicht das Problem

Anlass zum Training gestern war eigentlich unsere Beobachtung, dass Scotty uns als seine soziale Ressource sieht und diese gegenüber anderen auch verteidigt oder zumindest abschirmt. Andere Hunde dürfen uns zum Beispiel nur in Ausnahmefällen näher kommen. Ich wollte gerne lernen, wie ich dieses Abschirmen von ihm unterbinden kann. Die Verbindung zum Meta-Thema „Verantwortung übernehmen“ hatte ich schon wieder aus den Augen verloren. Matthias hat es uns nochmal anschaulich aufgezeigt, in welchen Situationen sich Scottys eigenes Rollenverständnis des Sheriffs zeigt und wie wir diese Aufgaben so übernehmen, dass das auch aus seiner Hundesicht zu verstehen ist.
Es ist ja nicht so, dass wir das nicht schon in den letzten Jahren durch Nicole und ihre Kolleg:innen gelernt hätten. Der Fokus verschiebt sich immer mal wieder auf einzelne andere Baustellen oder es schieben sich schlicht andere Alltagsthemen in den Vordergrund – oder wir werden auch einfach nachlässig, wenn es gut läuft mit Scotty. Insgeheim hoffen wir halt immer noch, dass er doch nochmal der ruhige, entspannte und zu allen freundliche Labbi wird, der uns einfach so nebenher im Alltag begleitet.
Und genau das funktioniert mit diesem Exemplar Hund nicht. Unsere Position müssen wir immer und immer wieder verdeutlichen – und dann läuft es auch tatsächlich gut und man merkt, wie sich Scotty auch wieder entspannen und unbeschwerter durchs Leben gehen kann.
Matthias erklärte das Verhältnis u. a. mit „Hund darf melden – aber Mama/Papa kümmern sich“. Eigentlich mag ich diese oft auf Instagram & Co genutzte Selbstbezeichnung als „Mama und Papa“ für Hundemenschen gar nicht. In diesem Zusammenhang hab ich aber viel besser verstanden, welche Rollen wir für unseren Hund übernehmen müssen: Mama und Papa regeln das schon. Hund darf gerne beobachten, zuerst erkennen und melden – dann aber die Zuständigkeit an die Menschen abgeben.

Rauchende Köpfe und viel Arbeit

Nicht nur die Trainingsstunde war für Hunde- und Menschenköpfe anstrengend, auch der Alltag wird wieder etwas ungemütlicher. Faul darf man als Hundehalter:in eines nicht unbedingt sein… 😉
Verbindlichkeit, Konsequenz, Liegestellen und ‚Umweltsicherung‘ sind einige Schlagworte, die wir uns nochmal (wieder mal) ganz dick hinter die Ohren schreiben und beherzigen müssen.

Achte zum Beispiel mal darauf, wie viele Wegkreuzungen und -einmündungen es auf deiner alltäglichen Gassi-Runde gibt. Puh… An jeder (aus Hundeperspektive) schlecht einsehbaren Ecke gehen wir nun vor und „sichern“ den weiteren Weg, Scotty lernt dabei, hinter uns zu bleiben und uns diese Sicherung zu überlassen. Das ist mega anstrengend, weil sich sowohl Mensch als auch Hund viel konzentrieren müssen. Aber es machen sich auch so schnell Veränderungen bemerkbar, denn wir haben ja eben durch die Hundeschule ein gutes Fundament, auf das wir durch kleine Maßnahmen sehr wirksam aufbauen können, wenn wir konsequent dabei bleiben. Das wiederum motiviert ungemein und letztlich erleichtert das ja auch unseren Alltag enorm.

In diesem Sinne, egal ob Mama und Papa, Sheriffs oder Herrchen und Frauchen: Wir sind für dich da und du darfst dich gerne auf uns verlassen, du kleine Knalltüte. Und das zeigen wir dir nun auch (wieder). 😉

*Martin Rütter DOGS Lüneburg/Buxtehude

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